Viele Tätigkeiten können nur mit einer formalen Ausbildung ausgeübt werden. Man kann kein Auto fahren, ohne Fahrstunden genommen und eine Prüfung bestanden zu haben. Auch Tauchen ist nur mit einem Tauchschein möglich. Man kann nicht Lehrer, Anwalt, Therapeut oder Kosmetikerin werden, ohne zu beweisen, dass man wirklich weiß, was man tut. Aber man kann Eltern werden, ohne eine Ausbildung zu haben - und das ist eine ziemlich verantwortungsvolle Aufgabe. Und wie steht es mit dem Branding? Wissen wir, was wir tun?
Zurzeit gibt es keine formale Ausbildung für Eltern, obwohl einige Leute der Meinung sind, dass ein Elternführerschein aufgrund offensichtlicher und fataler Erziehungsfehler angebracht wäre. Die Entscheidung, Eltern zu werden, beruht nach wie vor auf persönlichen Wünschen und Umständen. Elternschaft wird erworben, nicht verliehen. Unsere Expertise basiert auf eigenen Beobachtungen und Erfahrungen, geleitet von eigenen Wünschen und Vorstellungen. Dasselbe gilt für das Branding. Wir alle betreiben instinktiv Branding als Teil unserer sozialen Zugehörigkeitsdynamik. Einige tun dies bewusster als andere, um auf eine bestimmte Art und Weise anerkannt zu werden. Aber macht das jeden automatisch zum Branding-Experten? Das Thema Branding ist komplex und für Laien schwer zu erklären. Vieles in diesem Bereich basiert auf Vergleichen und ist kaum zu beweisen. Es geht um langfristige Ziele. Erfolge oder auch Misserfolge zeigen sich erst in der Zukunft. Es gibt Parallelen zur Elternschaft.
Kann man Branding überhaupt lernen? Reicht es nicht, ein Gespür für die Marke zu haben und in sie hineinzuwachsen? Wenn wir über einen Elternführerschein für die Erziehung von Kindern diskutieren, sollten wir auch über einen Branding-Führerschein nachdenken. Denn in beiden Fällen ist die Verantwortung für die Zukunft immens, und sie wird im Laufe des Heranwachsens nicht geringer. Im Gegenteil: Kleine Marke - kleine Sorgen, große Marke - große Sorgen.
Aber wie bekommt man einen Branding-Führerschein? Was berechtigt uns zum Branding, damit ein potenzieller Auftraggeber nicht das Gefühl hat, ein Abenteuer zu finanzieren? Reicht es, dem Auftraggeber die bisherigen Erfolge zu präsentieren? Zweifel sind angebracht. Denn das wäre so, als wollte man das ältere Kind als Beweis für die erfolgreiche Erziehung aller zukünftigen Kinder zeigen. Aber noch klonen wir nicht, noch haben wir es mit Individuen zu tun. Was bei dem einen Kind gut funktioniert, kann bei einem anderen ein Fehler sein. Wir sind uns auch darüber im Klaren, dass im Bereich des Brandings der Ursprung und die Gründe für den erzielten Erfolg nicht immer eindeutig sind. Die Entwicklung und Pflege einer Marke erfordert ein tiefes Verständnis von Marketingstrategien, Marktforschung, Designprinzipien und Kommunikationstechniken. Das sind Kompetenzen, die wir durch formale Ausbildung wie Studium erworben haben. In der Praxis sehen wir erst Schritt für Schritt, was passiert und müssen reagieren. Das entspricht auch dem Wesen einer Marke.

Manche mögen einwenden, dass Kinder meist in professionelle Hände gegeben werden – in Kindergärten oder Schulen – wo ausgebildete Pädagogen die Erziehung übernehmen. Ähnlich verhält es sich mit der Beziehung zwischen einem Markeninhaber und einer Markenagentur: Die Eltern liefern die richtigen 'Gene', und die Pädagogen oder Experten übernehmen die Entwicklung. Doch am Ende tragen alle Beteiligten Verantwortung für den Erfolg – Eltern, Lehrer und Markenagentur gleichermaßen. Ein teures Internat oder die renommierteste Agentur können das Ergebnis nicht garantieren. Entscheidend sind Zusammenarbeit, Einsatz und eine klare Vision, denn nur so wird aus einem vielversprechenden Anfang eine Erfolgsgeschichte.
Wer viel fährt, ist der beste Fahrer
Viele erwerben ihre Kenntnisse und Fähigkeiten im Bereich Branding ausschließlich durch praktische Erfahrung und Selbststudium. Wer viel fährt, ist der beste Fahrer. Sie können in verschiedenen Bereichen wie Marketing, Design oder Unternehmertum tätig gewesen sein und dort spezifische Fähigkeiten erworben haben, die für das Branding relevant sind. Viele kommen als Quereinsteiger aus anderen Berufsfeldern kommen über ihre Interessen oder Leidenschaften zum Branding. Diese Quereinsteiger bringen oft vielfältige Perspektiven und Fähigkeiten mit, die für das Branding wertvoll sind. Es gibt nicht nur einen Weg zum Branding. Auch in anderen Bereichen werden Quereinsteiger geschätzt, und zwar nicht aus Mangel an Personal, sondern zur Bereicherung.
Eine formale Ausbildung ist also nicht zwingend erforderlich, um im Branding erfolgreich zu sein. Feste Regeln oder offizielle Vorschriften, die dies festlegen, gibt es bisher nicht. Wer entscheidet, welche Voraussetzungen für Branding notwendig sind? Nicht der Führerschein, sondern unsere Erfahrungen, unsere Persönlichkeit und unsere Überzeugungen machen uns erfolgreich. Wie eine Marke zu handeln, ist der beste Beweis. Elternwerden bewirkt in der Regel einen tieferen Blick auf die eigene Geschichte: Kinder lassen einen auf die eigene Kindheit und das Erwachsenwerden zurückblicken. Der Umgang mit der eigenen Geschichte ist ein guter Ratgeber. Dazu gehören auch, Fehler zu machen und Risiken einzugehen. Nur so lernen wir den Umgang mit Konsequenzen.
Mit dem Branding ist es wie mit dem Elternwerden: Manche kommen zum Branding wie die Jungfrau zum Kind. Andere sind nach den ersten Erfahrungen begeistert und wollen mehr. Wer anfängt, weiß noch nicht, was ihn auf der Reise erwartet und wie sich sein Wesen und Verhalten mit zunehmender Erfahrung verändern kann. Und das ist gut so, denn Branding fängt immer bei einem selbst an, schon als Kind.